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Vakuumtiefziehen, Modefarben-Romance und Badminton-Turnier
am 18. Februar 2010 von matthi

In der üppig bewachsenen Galerielandschaft Berlins ist es nicht schwierig, sich die Wochenenden und Wochentage mit Galeriebesuchen zu bestücken. In den letzten zwei Jahrzehnten gehörte es für die großen Namen zum guten Ton, zumindest eine Dependance in der jetzigen Kunst-Haupstadt zu eröffnen, wenn nicht gleich komplett dorthin abzuwandern. Angeblich sollen es schon vor ein paar Jahren 600 Galerien gewesen sein. Nach der „großen Krise“ traten tatsächlich erstmalig einige (wenige), der zuvor erfolgreichen kommerziellen Galerien, den Rückzug aus der Stadt an. Zeichnet sich ein Ende des Berlin-Booms ab?

Gleichzeitig bot und bietet Berlin aber auch Neustartern, aufgrund seiner immer noch günstigen Mieten, die Möglichkeit, sich auf dem bunten Markt der Galerien auszuprobieren. Das führte dazu, dass in Berlin nicht nur eine beeindruckende Anzahl von etablierten kommerziellen Galerien aus u.a. New York, London, Paris, natürlich auch Köln und Leipzig, neuerdings auch den osteuropäischen oder gar asiatischen Ländern, vertreten sind, sondern dass sich auch eine, wenn man so will, Off-Galerie-Szene entwickeln konnte und stetig weiter entwickelt. Für jede geschlossene kommerzielle Galerie schießen zurzeit gefühlte drei neue Galerien aus dem, momentan vor allem Neuköllner und Weddinger, Boden. Die Zahl von 600 Galerien scheint also nicht gefährdet, wenn sie nicht sogar weiter ansteigt. Der Zahl der brotreichen wie brotlosen Künstler, die aus aller Herren Länder anreisen, um an der Spree zu residieren, ist überdurchschnittlich hoch, so dass theoretisch auch für die kleineren Galerien genügend lokale Rosinen mit internationalem Background zum herauspicken vorhanden sein müssten.

Dennoch lohnt in Berlin bei weitem nicht jede Ausstellung eines Besuches. Das gilt zu gleichen Teilen für die kommerziellen Profis, wie für die halbkommerziellen oder gänzlich nicht-kommerziellen Galerien. Genau wie in anderen Bereichen des Berliner Kulturlebens gilt auch für die Galerien: vieles gibt es hier zu sehen, Sehenswertes muss jedoch entdeckt werden. Deswegen möchte ich an dieser Stelle, in unregelmäßigen Abständen, auf Ausstellungen hinweisen, die aus dem Kunst-Wust angenehm herausstechen.

Heute gibt es, mit einer kleinen Ausnahme nur größere Namen: In der architektonisch sehr interessanten, weil (sozialistisch-)modernistischen Glasfront-Galerie Capitain Petzel – die gemeinsam von der Kölner Galeristin Gisela Capitain, und Friedrich Petzel, der eine Galerie in New York betreibt, geleitet wird – werden noch bis zum 27. Februar Arbeiten von Seth Price gezeigt. Im ersten Teil der mit „Die Nuller Jahre“ betitelten Ausstellung, blickt der New Yorker Price auf die letzten zehn Jahre zurück, in denen er sich vom Experimentalfilmer zum bildenden Künstler entwickelt hat. Neben einem wechselnden samstäglichen Filmprogramm des Künstlers (die Galerie informiert per Mail) wird hier als aktuelle Arbeit eine Serie von industriell gefertigten Kunststoffplatten gezeigt, in die während des Produktionsprozesses, ein Seil vakuumtiefgezogen wurde. Bei vielen der Tableaus, die jeweils mit verschiedenen Farben bespritzt und/oder lackiert zu sein scheinen, ist nur noch der Abdruck, bzw. Herausdruck des vakuumtiefgezogenen Seils, das in Form von Schlingen drapiert wurde, zu sehen. Bei anderen baumelt die hellbraune Strippe, wie ein Gehängter, von der Rückseite des Kunststoffstücks zu Boden, als hätte man vergessen, es, nach dem Tod im Kunststoffbad, zu entfernen. Die raue Oberflächenstruktur des Materials „Hanfseil“ verbleibt als vakuumtiefgezogenes Abbild auf dem Material „Kunststoff“ erstaunlich taktil erhalten. Der Kunststoff selbst erschiene ohne diesen „Abdruck“ als oberflächenstrukturloses Material. Doch nun, da er die Form und Struktur des Seils konserviert, in sich eingeschlossen und aufgenommen hat, könnte diese in ihm massenhaft reproduziert und in einer jeweils zum Farbwunsch des Käufers passenden Ausführung hergestellt werden. Die reproduzierte Struktur des Seils, bleibt dabei immer die Gleiche, die Anordnung des Seils hingegen variiert, genau wie die auf die Oberfläche des Kunststoffs-mit-„Abruck“ aufgetragene Farbe.

Der zweite Teil der Price-Ausstellung befindet sich in der Galerie Isabella Bortolozzi. Hier gibt es neben einer längeren Videoarbeit, die auf einem Künstler-Gespräch basiert, in dem Price über das Verhältnis von Kunst und Film reflektiert, das bald durch einen Diavortag ergänzt wird, in dem Werke alte Meister neben Autodidakten aus dem Internet dekontextualisiert präsentiert werden. In der Galerie gibt es neben weiteren Vakuumtiefzieharbeiten u.a. zwei figurative Arbeiten zu sehen, die an Negative von Scherenschnitten erinnern. Braune Kunststoff-Stücke, die auf den ersten Blick, wie unrealistische Inseln aus der Vogelperspektive wirken, sind so an der Wand befestigt, dass die Umrisse auf den zweiten Blick die Konturen von Menschen, die sich im strahlenden Weiß der Galeriewand verlieren, erkennen lassen. Auf der einen Wand ein Mann mit Zigarette (dem vielleicht ein Streichholz angereicht wird) auf der anderen ein hinter der Hand tuschelndes Pärchen. Alltagsituationen? Besucher einer Vernissage? Kunststoff und Zwischenmenschliches… .

In der Galerie Daniel Buchholz – ebenfalls wie Capitain ein traditionsreicher und international bekannter Name aus Köln – die seit Sommer 2008, auch Berliner Galerieräume behängt, ist, bis zum 17. April, die aktuelle Ausstellung des in München geborenen und in New York lebenden (wo er wiederum durch Friedrich Petzel vertreten wird) Thomas Eggerer zu sehen. Dieser zeigt dort eine Kombination aus großformatigen Gemälden mit Figuren in Umgebungen, großformatigen Zeichnungen zu diesen Gemälden, normalformatigen abstrakten Gemälden und mittel- bis kleinformatigen Kollagen. Die Gemälde, abstrakt wie figurativ, sind sämtlich in kräftigen, leuchtenden (Neon)Farben gehalten, die durch geschickte Komposition und Kontrastwirkung in ihrer Strahlkraft erhöht werden. Dabei verwendet Eggerer weniger leuchtende Grundtöne, sondern vielmehr an Modefarben erinnernde Töne die man mit Neobeere, Neonflieder, Neonrhabarber, Neonguave oder Neonbermudablau betiteln könnte. Insgesamt wirkt die Farbkombination auf mich trotz der offensichtlich gewollten und erzeugten Intensivität interessanterweise einerseits harmonisch, hat jedoch gleichzeitig die Tendenz eine Spur zu grell zu wirken. Die Szenen, die Eggerer uns auf den Bildern präsentiert, erscheinen, unterstützt durch diese Farbwahl, ebenfalls zugleich „schön“ anzusehen, wie sie einen zu einem gewissen Maße ein wenig beunruhigen, oder zumindest in einem Gefühl der Unklarheit lassen. Die Szenen, die meist aus urban-natürlichen Grenzräumen, mit dominierenden architektonischen Elementen, und den Figuren, die sich in diesen Umgebungen bewegen, bestehen, sind dabei nie gänzlich ausformuliert, sondern bleiben immer, zu einem gewissen Teil, grafisch bzw. modefarbig.

In der, der Ausstellung den Namen gebenden Arbeit „Fence Romance“ gibt es ein Jungs-Pärchen, in modefarbenen Badehöschen oder Shorts, deren Romantik unter einem Zaun, dank der Position, die sie durch die (Beton-) Schräge auf der sie stehen, einzunehmen gezwungen sind, ein seltsam-anrührendes Bild abgibt. Sie geben sich gegenseitig Halt, können aber den romantischen Blick nicht zueinander, sondern nur auf den schrägen Boden unter ihren Füßen richten, um ein Abrutschen zu verhindern. Am Fuß der Schräge befindet sich vielleicht ein Kanal, der zusammen mit dem riesenhaften Zaun, der sich gleichzeitig bedrohend, wie schützend über die Jungs beugt, in Pinselstrichen, die wie Beschleunigungslinien wirken, gen Unendlichkeits-Fluchtpunkt am Horizont verliert.

In „Downward“: dieselben Jungs, immer noch auf einer Schräge, möglicherweise am selben Ort, nur von der andern Seite betrachtet. Farblich jedoch dominierten im ersten Bild kühle Blau-, Grau, und Weißtöne, hier kommt ein leuchtendes Grün hinzu, welches die oberen 2/3 des Bildes dominiert. Nun stehen die Jungs tatsächlich wie auf einer Caspar David Friedrich-Klippe, und sollten eigentlich „romantisch“ in den fernen farbfeldgrünen Horizont träumen. Doch müssen sie, genau wie in „Fence Roamance“, zu Boden blicken.

Abschließend zumindest noch ein kleiner nichtkommerzieller und tatsächlich ungewöhnlicher Galerie-Tipp für den freitäglichen frühen Abend, vor der HDK-Party. In der Neuköllner PMgalerie, die auf Artist-Residencies spezialisiert ist und die an späterer Stelle näher vorgestellt werden soll, wird an diesem Freitag, im Rahmen der derzeitigen „Residenz“ des Künstlers Martin Kohut, die Zeit bis zur nächsten „offiziellen“ Eröffnung am 5. März, für ein Badminton-Turnier genutzt. Als ob Galeriebesuche nicht schon anstrengend genug wären.

Seth Price in: Captain Petzel Gallery & Galerie Isabella Bortolozzi

Thomas Eggerer in: Galerie Daniel Buchholz

Badmiton-Turnier in: PMgalerie

Seth Price



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der beitrag wurde am Donnerstag, den 18. Februar 2010 um 04:26 uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, bildende kunst, galerie abgelegt. du kannst die kommentare zu diesen eintrag durch den RSS 2.0 feed verfolgen. du kannst einen kommentar schreiben oder einen trackback auf deiner seite einrichten.

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