blog

« | »
Leere Stadt
am 7. September 2011 von Caro

Eine Stadt irgendwo im Nirgendwo. Zwei Brüder, deren Blutsverwandtschaft einzig sie daran hindert, sich gegenseitig umzubringen. Krieg. Drogen. Was ist zu tun, wenn die letzte Nacht vor einem liegt?

Das zwei-Mann Stück „Leere Stadt“ von Dejan Dukovski erzählt die Geschichte von zwei Brüdern, die in Zeiten des Krieges unerwartet aufeinander treffen und gemeinsam eine letzte Nacht ohne Grenzen verbringen. Über einiges wird geschwiegen, alles wird hinterfragt: Gjore und Gjero setzen sich mit ihrer Kindheit auseinander, verhandeln schon lange gesetzte Rollen neu und versinken schließlich mal in Vorwürfen, mal in Selbstmitleid.

Wie geht man mit der Gewissheit um, nur noch eine Nacht auf dieser Erde zu existieren? Die Protagonisten in der leeren Stadt sind sich zumindest in diesem Punkt schnell einig: Es sollen Regeln gebrochen und Grenzen verwischt werden. Stationen ihrer Reise durch die unumgängliche Einsamkeit sind Casino, Theater, Kirche und Kiosk. Oder auch zu verallgemeinern als die unendliche Weite des Drogenkonsums. Gjore und Gjero flüchten sich durch das Tor der Drogen und finden dahinter den Weg, „völlig losgelöst von der Erde“ abzuheben. Alles scheint sich in dieser einen Nacht abzuspielen, die Brüder durchlaufen ein Gefühlsbad, welches ihr gesamtes bisheriges Leben wiederspiegelt. Zwei Brüder, die scheinbar unterschiedlicher nicht sein könnten.

Zu Beginn steht fest, dass zwischen den beiden Persönlichkeiten eine tiefe Schlucht klafft, eine unüberwindbare Kluft, zusammengesetzt aus Hass, Liebe, Hilflosigkeit und Angst. Doch im Laufe des Abends wird diese Kluft zwar nicht verkleinert, aber die Perspektive gewechselt. Gjore und Gjero empfinden Empathie füreinander und erweichen ihre ganz persönlichen Kriegsfronten. Auf einmal wiegt die geteilte Trauer um den Tod des Vaters schwerer als die jüngste Meinungsverschiedenheit um eine Frau namens Maria und das gemeinsame Verlangen nach Betäubungsmitteln bringt sie einander näher als der Groll der Vergangenheit sie jemals voneinander entfernt hat.

Das Essentielle sind eher die Umstände, unter denen sich die Handlung abspielt, und keineswegs Ort, Zeit oder Grund der Zusammenkunft: Es ist nicht wichtig, wie alt die Brüder sind, für welches Land sie jeweils als Soldat in den Krieg gezogen sind oder in welcher Stadt sie sich befinden. Der Fokus wird vom Kölner Regisseur Thomas Ulrich eindeutig auf das Hier und Jetzt gelegt. Auf diese Weise wird die Vergänglichkeit der Situation besonders deutlich und das verschwenderische, draufgängerische Verhalten Gjores und Gjeros nachvollziehbar. Die Schauspieler Jonas und Jean Paul Baeck, die auch im „echten Leben“ Brüder sind, verkörpern Gjore und Gjero bewusst auf überzogen stereotypische Weise, sodass völlig groteske Situationen entstehen. So zeigt sich beispielsweise der jüngere Bruder mit seiner verstellten hysterischen Stimme und den übertriebenen, großen Theatergesten und -Mimiken im krassen Gegensatz zum ernst und knallhart wirkenden älteren Bruder. Verstärkt wird der Eindruck der verrückten, weltfremden Theaternacht außerdem durch die Sounds, die von Julius Richter live eingespielt werden. Dass Musik Atmosphäre schafft und (an den richtigen Stellen eingesetzt) in der Lage ist, eine einzigartige Situation zu kreieren, wird in „Leere Stadt“ ziemlich deutlich. Zeitweise streicheln sanfte Pianoklänge das brüderliche Verhältnis, zeitweise versetzen dunkle, schwere Bässe sowohl Zuschauer als auch Akteure in eine unheimliche und ängstliche Stimmung.

Das Stück ernährt sich nicht von einzelnen Konstanten wie Bühnenbild, Musik, Licht und Schauspielerei, sondern von der Atmosphäre, die insgesamt geschaffen wird. Es geht um Krieg und um Freiheit, um Angst, Hass und um die Vergänglichkeit jeder einzelnen Sekunde. Wichtiger ist jedoch das tatsächliche Zurückbleiben eines Gefühls der Leere, deren Ursprung nicht genau zu orten ist.

“Leere Stadt” fragt nach dem Sinn des Lebens und lässt gleichzeitig den „Unsinn“ spüren. Gesucht werden Antworten, vielleicht auch ein einziger Universalsatz, der Antworten für alles gibt. Gefunden wird nichts. Und so bleibt am Ende die Frage, ob es wirklich die Stadt ist, die leer ist, oder vor allem die beiden vom Krieg gezeichneten Brüder.

„Leere Stadt“ wird am 11.9.2011 um 20 Uhr im Kulturhaus Spandau aufgeführt. Tickets kosten 5€. Alle weiteren Infos gibt es auf folgenden Seiten.





Teilen



Caro
-> weiteres


der beitrag wurde am Mittwoch, den 7. September 2011 um 17:51 uhr veröffentlicht und wurde unter theater abgelegt. du kannst die kommentare zu diesen eintrag durch den RSS 2.0 feed verfolgen. du kannst einen kommentar schreiben oder einen trackback auf deiner seite einrichten.


3 reaktionen zu “Leere Stadt”
  1. Troy Amlin am 30. Juni 2012 um 18:53 uhr

    Homepage ist klasse, da liest man doch gerne, weiter so.

  2. Mersikol am 19. Juni 2014 um 01:38 uhr

    viagra 10mg tabs
    generic viagra
    uk sales viagra and viagra
    – generic viagra

  3. Johna634 am 21. September 2014 um 12:45 uhr

    hi! , Everyone loves a persons writing quite definitely! promote many of us keep up a correspondence more info on your own document for Yahoo? I need a pro for this dwelling to unravel this dilemma. Could be that is definitely a person! Looking forward to search an individual. fcdcfedcbddk

einen kommentar schreiben


seiten
» Blog-Autoren

archiv
» April 2013
» Oktober 2012
» April 2012
» Januar 2012
» September 2011
» August 2011
» Juni 2011
» Mai 2011
» April 2011
» März 2011
» Februar 2011
» Januar 2011
» Dezember 2010
» November 2010
» Oktober 2010
» September 2010
» Juli 2010
» Mai 2010
» April 2010
» März 2010
» Februar 2010
» Januar 2010

kategorien
» Allgemein (5)
» architektur (5)
» bildende kunst (16)
» film (15)
» fotografie (4)
» galerie (9)
» hdk (8)
» konzert (21)
» literatur (1)
» museum (4)
» musik (29)
» party (11)
» tanz (3)
» theater (15)
» video (4)

hdk/ bei Facebook


tags
Alltag baggs berghain Berlin Berlinale Blockflöte blog brunnen 70 C/O Berlin caribou Casiokids city slang david Deutsches Theater evan exit an der tanzstelle festsaal kreuzberg four tet galerie gundlach hdk hdk-party holy fuck jaxson keno kindisch konzert levee Lido main fear love martin-gropius-bau motorama Neukölln party pepsi funk review Reynold Reynolds schaubühne set swim tanzstelle transmediale Transmediale.11 trentemøller wmf

huldigung der künste – blog is powered by WordPress | WP.de beiträge (rss) und kommentare (rss).