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Tötend und getötet seh’n wir gleiches Blut
am 24. Januar 2012 von Caro

In der Berliner Schaubühne gibt es Sophokles’ „Antigone“ mit Glitzer und Gesang, um nicht zu sagen mit Pauken und Trompeten. Die Inszenierung ist seit Februar 2011 im Repertoire – und auch nach meinem 4. Mal als Zuschauerin bin ich immer noch der Meinung: Es lohnt sich!

Antigone – eine Frau oder zwei Männer?

Vom Drama „Antigone“ bleibt am Ende in der Schaubühne nicht viel übrig: Nur das Gefühl, nichts verstanden zu haben von der klassischen Tragödie, macht sich breit. Und die zwischen dem ganzen Glitzer versteckte Frage, was Friederike Heller uns mit ihrer Inszenierung sagen will.

Zur Erinnerung: Antigone ist das Kind von Ödipus, König von Theben, und dessen Mutter Iokaste. Als der blinde Ödipus nach Kolonos geht, wird er von seiner Tochter begleitet, die nach seinem Tod wieder nach Theben zurückkehrt. Fortan herrschen Antigones Brüder Polyneikes und Eteokles in Theben. Die geteilte Herrschaft Antigones Brüder ist jedoch nur von kurzer Dauer:  Eteokles vertreibt Polyneikes, der wiederum kurze Zeit später in den Kampf zieht, gegen seinen Bruder, gegen den König von Theben, gegen Theben, seine Stadt. Polyneikes und Eteokles töten sich gegenseitig am 7. Tor von Theben und deren Onkel, Ödipus’ Bruder Kreon, wird zum neuen König ernannt.

Kreon erlässt sofort das Gesetz, dass der Vaterlandsveräter Polyneikes nicht bestattet werden darf und dass jeder Versuch, Polyneikes zu begraben, mit der Todesstrafe geahndet wird. Antigone jedoch will genau das tun, ihrem Bruder die ewige Ruhe durch eine Bestattung ermöglichen, und begibt sich auf diese Weise in Lebensgefahr.

Das war Antigone. Eine Frau, die sich in einer von Männern beherrschten Welt alleine gegen den König und seine Gesetze gestellt hat, um für Gerechtigkeit zu kämpfen.  Eine Schwester, die ihr eigenes Leben für die Rechte ihres Bruders aufs Spiel setzt. Antigone war eine starke Frau. Und umso verwunderlicher erscheint es am Anfang, dass ausschließlich männliche Schauspieler auf der Bühne stehen.

„Tritt vor in das Feld der Liebe“

Die Aufführung beginnt mit einer Gruppentherapie, deren ausschließlich männliche Teilnehmer, Musiker der deutschen Band „Kante“, und die Schauspieler des Hauses Christoph Gawenda und Tilman Strauß sind. (Diese Konstellation ist übrigens nicht neu: Schon am Staatstheater Stuttgart war in „Wilhelm Meisters Lehrjahre“ die erfolgreiche Zusammenarbeit der 2004 als „Nachwuchsregisseurin des Jahres“ gewählten  Regisseurin mit der Band Kante zu sehen. Seit der Spielzeit 2009/10 gehört sie nun zum beständigen Ensemble der Berliner Schaubühne.

Spürbar esoterisch haucht Leadsänger Peter Thiessen in der Rolle des Konfliktlösers psychologische Standardsätze in sein Mikro und zaubert so den anderen Darstellern verwunderte, fast angewiderte Blicke auf ihre Gesichter. Den Schreikrampf Gawendas beendet er mit der Weisheit, Schreien sei keine Energie und auch im späteren Verlauf der Aufführung hat er immer wieder einen Ratschlag in Form einer Beschreibung der Situation parat. Die Finalszene leitet er ein mit den Worten: „Lasst uns aus diesem Theaterhaus einen Tempel der Vergessenheit machen“. – Das mit dem Tempel scheint zu funktionieren, Kante erzeugt so wahnsinnig  schön-schrecklich-harmonisch satte Klänge, dass einem die Spucke wegbleibt.

Der Übergang von der „Einleitung“ in Form der Gruppentherapierunde hin zum eigentlichen Drama erfolgt schließlich auf banal programmatische Weise; die Ansage Thiessens, er sei eigentlich gar kein Schauspieler, sondern Sänger der Band „Kante“, die den Chor der Theben darstellt, bereitet auf das vor, was folgen wird, lenkt die Aufmerksamkeit weg von den Glitzerhemden hin zum Inhalt.

Christoph Gawenda als Bote Friederike Hellers Botschaft

Mit der aufbrauserischen Kraft eines Schauspielers des 21. Jahrhunderts liefern sich Eteokles und Polyneikes  einen Konkurrenzkampf von 400 Jahre vor Christus. Besonders Christoph Gawenda fasziniert mit seiner überragenden schauspielerischen Leistung, er verzapft die nicht unserem Sprachgebrauch entsprechenden Hölderlin’schen Verse in eine packende, emotionale und überzeugende Rede und zeigt auf diesem Wege die Aktualität der 2400 Jahre alten Tragödie. Mit seinem Adlerblick und den markanten Wangenknochen ähnelt er zwar dem Bösewicht und James Bond-Feind „Le Chiffre“ aus Casino Royale, als Antigone jedoch argumentiert und kämpft er, getrieben von dem Ideal, Gerechtigkeit zu schaffen, für die Bestattung Polyneikes’. Wie zwei Löwen im Käfig tänzeln Gawenda und Strauß mit Federboas bewaffnet auf dem Podest über der Band herum und übersetzen so die griechische Tragödie in die Sprache der Schaubühne: Skurrile Kostüme, glitzernde Erde und ein Chickenwings fressendes Plüschtier.

Die anfängliche Verwunderung über die rein männliche Besetzung legt sich spätestens in der Szene, in der Gawenda Euridike, Dionysos, Antigone und einen Boten in seinem Körper vereint. Kostümbildnerin Sabine Kohlstedt fährt das volle Programm auf, lässt ihn sowohl Glitzer-Plateau-Schuhe als auch Bademantel und Feder-Strass-Hut tragen. Antigone wird von jedem einmal gespielt, jeder ist Antigone. Grenzen existieren hier nicht. Es gibt keine Männer oder Frauen, kein Griechenland oder Deutschland. Nicht Recht oder Straftat. Kein “Entweder Oder§; nicht Polyneikes oder Eteokles soll begraben werden, sondern beide.

Wer ist Antigone?

Friederike Heller zeigt mit ihrer Inszenierung, wie sehr sich die Antigone von heute noch in den gleichen Konflikten wiederfindet wie zu Sophokles’ Zeit. So kitschig es sich auch anhört, Antigone, das sind wir alle. Wir alle, die wir manchmal die uns auferlegte Gerechtigkeit als ungerecht empfinden. Nahezu jeder Tatort dreht sich um genau diesen Engpass von Gerechtigkeit und Selbstjustiz. Der Täter macht sich strafbar und die Rechtfertigung seiner Tat lautet meistens in etwa so: „Aber ich wollte doch nur… meinem Opa endlich den lang ersehnten Tod ermöglichen / das Geld, was mir zusteht, zurückholen / durch eine Lüge meinem besten Freund schützen“. Was  nach aber ich wollte doch nur… kommt, ist eigentlich egal, es geht um den schmalen Grad zwischen gutem Willen und strafbarem Handeln. Ob etwas gerecht ist, das hängt von der Perspektive ab, aus der man es betrachtet: Aus der Perspektive des Tötenden oder des Getöteten. Die Moral aus der Geschicht’ muss hier wohl jeder selbst zwischen den Zeilen lesen.

„Antigone“ kann je nach Interesse und Vorahnung als Unterhaltungstheater oder als gelungene Adaption eines historischen Dramas betrachtet werden. Und ob man den musikalischen Stil von „Kante“ nun mag oder nicht, spielt keine Rolle, denn die Musik, ja die Musik, die ist einfach der Hammer.

Zu sehen ist „Antigone“ noch am 24., 25. Januar sowie und am 10. und 24. Februar in der Schaubühne am Lehniner Platz in Berlin.





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Caro
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der beitrag wurde am Dienstag, den 24. Januar 2012 um 17:09 uhr veröffentlicht und wurde unter theater abgelegt. du kannst die kommentare zu diesen eintrag durch den RSS 2.0 feed verfolgen. du kannst einen kommentar schreiben oder einen trackback auf deiner seite einrichten.


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