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Davids souveräner Finger
am 13. März 2010 von matthi

Die PMGalerie, die von den beiden Französinnen Julie Grosche und Aurélia Defrance geleitet wird, besteht seit 2009 im Norden des Schillerkiezes, der derzeit eine ähnlich aufstrebende Entwicklung durchmacht wie zuletzt der, zwei U8-Stationen entfernte, Reuterkiez. Für eine nichtkommerzielle Galerie ist sie erstaunlich geräumig und gestattet es den Galeristinnen sie sowohl als Ausstellungsraum wie Künstler-Residenz zu nutzen. Gewöhnlich wohnen Grosche und Defrance für einen Monat zusammen mit dem jeweiligen Künstler, bevor dessen Arbeiten, die während der Residenz entstehen, für einen Monat in der Galerie dem kritischen Blick der Berliner Bohème standhalten müssen. So wird eine Dynamisierung, Intensivierung, Reflexion und Neuaushandlung der Beziehung von Kuratoren und Künstlern möglich, da beide Parteien ungewohnt eng miteinander unter einem Dach leben und arbeiten.

Der Tscheche Martin Kohout stellt uns in seiner ersten Berliner Solo-Show FAQ: frequently asked questions. In fünf Arbeiten untersucht er das Beziehungs- und Bedeutungssnetz zwischen Gedanken, Sprache, Wissenschaft, immer im Hinblick auf die Möglichkeit ihrer Präsentation, die selbst stets eine (genormte) Form von Kommunikation darstellt. Wie verhält sich eine Idee oder ein Gedanke zur Möglichkeit ihrer oder seiner Artikulation? Ist Artikulation ohne eine zwangsläufige Einordnung in ein regelhaftes System, die jede Präsentation in einen determinierten und determinierenden Kontext setzt, überhaupt möglich?

In der Videoarbeit Six Days in Life of Sandra Lolax sieht man nur die Hände der „Protagonistin“ mit denen sie versuchen soll darzustellen, was sie am Tag erlebt hat. Sie benutzt dabei keine „offizielle“ Zeichensprache sondern entwickelte, während der Treffen in denen Kohout ihre Hände filmte, intuitiv eine „eigene“ bildhafte Fingersprache, in der sie uns nun, erfreulich ausdrucksstark und ansprechend, adressiert.

In A Ride Through: Haiti: 360°, einer Arbeit, die sich eine neue Technik von CNN aneignet, mit der man sich, ähnlich wie bei der Ultranahaufnahme bei Google Maps, auf eine bewegte Tour durch das erdbebenzerstörte Haiti begeben und mit dem Cursor während der Fahrt die Blickrichtung frei bestimmen kann. Kohout nimmt uns in seiner Präsentation dieser Fahrt glücklicherweise die Entscheidung zum selbstbestimmten Voyeurismus-Konsum ab und erlöst uns, zumindest für 3 Minuten und 25 Sekunden, durch einen Blickwinkel, der lediglich sich um sich selbst drehenden blauen Himmel erkennen lässt, von unserer Rolle als Post-Erdbeben-Katastrophentourist. Auch wenn im Ausstellungstext der Cursor als „sovereign finger“ bezeichnet wird, der, im Sinne CNNs, die individuelle Fähigkeit zur Kontrolle der Bilder weiterentwickeln soll, wird klar, dass in A Ride Through: Haiti: 360° immer noch der Künstler und nicht der User der eigentliche König ist.

Poodles sind zwei im Internet aufgefundene Bilder der beiden Metalle Uranium 2068 und Gallium, die uns zunächst auf der Abbildung selbst, in einer seltsam festlich bis andächtig anmutenden Geste, auf den Handflächen der glücklichen Uranium- und Galliumbesitzer präsentiert werden, wobei das temperaturempfindliche Gallium bereits in der Hand zu schmelzen beginnt. Im Ausstellungsraum der PMGalerie präsentiert uns Kohout das Bild selbst ein weiteres und noch ein Mal in dem er in dieser Arbeit, die trotz oder wegen der verwendeten einfachen Materialien ein Gefühl von kostbarer Zerbrechlichkeit erzeugt, das Internetbild auf eine Folie ausdruckt, die er auf einer anderthalb Meter langen Glasscheibe befestigt und diese, schräg an die Wand gelehnt, auf einem länglichen, viereckigen Styroporstück platziert.

Auch Zauberer und 80s-Ikone David Copperfield hat einen göttlich-souveränen Finger mit dem er seine fiesen Tricks auszuführen vermag. In david deutet er mit seinem magischen besten Stück auf uns, die Galeriebesucher. Verschmitzt grinst er uns, ins unendliche geloopt, vom großen Flatscreen an. Ich bin mir ziemlich sicher: David knows all the answers to our most frequently and urgently asked questions.

Martin Kohout: FAQ

PMGalerie: 06. – 20.03

Six Days in Life of Sandra Lolax



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der beitrag wurde am Samstag, den 13. März 2010 um 22:33 uhr veröffentlicht und wurde unter Allgemein, bildende kunst, galerie abgelegt. du kannst die kommentare zu diesen eintrag durch den RSS 2.0 feed verfolgen. du kannst einen kommentar schreiben oder einen trackback auf deiner seite einrichten.

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