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Othello
am 18. Oktober 2010 von henrike

Was ein Mensch so alles kann, ganz allein, ohne dass die anderen ihn unterstützen wollen, das ist in „Othello“ von William Shakespeare zu sehen.

Ein einzelner, ein blonder, junger, schmaler, gehorsamer Schwächling, der neben seinem massigen Herrn steht, absolute Loyalität schwört und präsentiert. Er folgt den Schritten der anderen und nur, wenn sie gerade nicht hinsehen, guckt er ihnen schnell über die Schultern und weiß Bescheid. Ahnt ihre Motivationen und Schwachpunkte. Er braucht nicht lange dafür, er ist wahnsinnig flink.

Mit den Augen immer bei denjenigen, auf die er angewiesen ist und schließlich, wenn er allein ist, auch nicht bei sich, sondern darauf aus, die Handlung voranzutreiben. Weil er die Handlung spinnt. Er wurde mit der Gabe ausgestattet, den Überblick zu haben und er nutzt sie nicht nur aus Wut, sondern vor allem, weil es ihm Spaß macht. Sein Leben steht dabei nicht auf dem Spiel, wenn er sich nicht ganz dumm anstellt. Ihm ist langweilig und wo bietet sich eine größere Herausforderung als darin, ein Schicksal zu lenken?

Gruselig, wenn dieser Mensch vorne an der Rampe steht und uns erzählt, was er tut, sei durch Hilfsbereitschaft entstanden und rational überprüfbar für alle das Beste. So ist es. Damit hat er Recht.

Er heißt Jago.

Er kann weitersehen als alle anderen und weiß, dass das Gute sich zum Schlechten wenden wird. Er kennt die Menschen, die daran beteiligt sind.

Jago wurde von Othello nicht befördert, sondern Cassio, der jünger, schöner und unerfahrener ist. Othello liebt Desdemona und sie ihn. Othello ist schwarz. Jago erzählt Desdemonas Vater von der Liebschaft und verspricht seinem Kollegen Rodrigo, der Desdemona schon länger liebt, durch seine Geschicktheit ihre Liebe. Jago sagt, er hasst Othello, sagt, er will Macht. Othello sagt: „Mein Leben für Desdemonas Treue.“

Jago spinnt Intrigen, die Othello glauben machen können, Desdemona liebte Cassio. Später tötet Othello Desdemona, sie war nicht treu, sagt er.

Warum wendet es sich? Weil das immer so ist? Warum kann Othello sich nicht auf seine tiefe Ruhe berufen und abwarten, bis alles vorbei ist? Warum bittet Desdemona nur, anstatt zu handeln? Sie fleht, bettelt, fragt und macht sich klein.

Durch diese Verhaltensweisen schaffen die beiden es fast allein, sich ins Verderben zu stürzen. Wer ist dann Jago? Was spielt er für eine Rolle, wenn das eigentliche Unglück schon vorher zu erkennen war?

Jago ist ein Handelnder! Vielleicht ist das Ergebnis zweitrangig und im Vordergrund steht, was der Einzelne vermag! Er hat die Dinge verändert, alles ins Gegenteil gekehrt. Ein Beweis ist entstanden, der ihn zum König macht und die anderen zu Sklaven. Ein König wird er trotzdem nicht am Ende.

Alles zusammengenommen kann es dennoch auch ganz banal sein: Desdemonas Tod, Othellos Unglück ist das Resultat von Unachtsamkeiten und fehlender Besinnung. In der Schaubühne sehen wir nicht das einzig mögliche Ende der Geschichte, sondern teils zerstreute (Othello, Cassio) und teils ängstliche (Desdemona) Figuren, die einfach nicht darauf aufgepasst haben, was um sie herum geschieht.

Das Bühnenbild ist die Welt der Zerstreuung: Zypern in der Sonne, die Bar, die Frauen in Gold, Golfschläger, aber davor befindet sich ein Wasserbecken. Das Wasser macht alles größer, jeder Schritt zieht Kreise und wenn man zuschlägt, spritzt es auf alle umstehenden.

An der Seite spielt eine Band. Schlagzeug, Keyboard, Trompete und Saxophon passen auf, dass es nicht zu anstrengend wird und Jago bekommt noch einmal mehr Lust, zu tanzen und sich auszutoben.

Er tanzt die ganze Zeit. Wenn er die Lust verliert, wird es dekadent und langweilig.

„Othello“, Schaubühne Berlin 2010, Regie: Thomas Ostermeier





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henrike
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der beitrag wurde am Montag, den 18. Oktober 2010 um 18:17 uhr veröffentlicht und wurde unter theater abgelegt. du kannst die kommentare zu diesen eintrag durch den RSS 2.0 feed verfolgen. du kannst einen kommentar schreiben oder einen trackback auf deiner seite einrichten.


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