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“Die Ratten” im Repertoire des Deutschen Theaters
am 20. Januar 2011 von beate

“Ton und Klang jedoch entwindet
Sich dem Worte selbstverständlich,
Und entschiedener empfindet
Der Verklärte sich unendlich.”
(Johann Wolfgang von Goethe)

Das Stück „Die Ratten” von Gerhart Hauptmann wird auf dem Internetauftritt des Deutschen Theaters als „Tragikomödie“ beschrieben, welches „von Berlin, vom Theater – vor allem aber von Menschen in äußerster Not” handelt. Aber darum geht es eben NICHT.

Da ist etwas, was sich bei aller Tragik, allen mit wahnsinniger Wucht geschilderten Schicksalsschlägen, in den Vordergrund drängt: Die Sprache. In „Die Ratten” wird Dialekt gesprochen. Ich kam zuvor noch nicht in den Genuss, dem klangvollen Rhythmus des Berliner Dialekts so voyeuristisch lauschen zu dürfen. Das war es, was mich an dem Abend packte und begeisterte, was die Handlung – und das ist das Entscheidende – nebensächlich machte.

Stückintern wird Sprache auf einer Metaebene ebenfalls diskutiert. „Die Ratten“ ist also ein Theaterstück, das über sich selbst als Theaterstück nachdenkt und dadurch die Grenzen der Kunstform transzendiert.
Der nervös wirkende, doch idealgeistige junge Spitta möchte Schauspieler werden, greift jedoch die eingefahrene Theatersprache an. Der Theaterdirektor Hassenreuter weist seine Naturalismusvorstellungen jedoch mit scharfer Kritik (und ebensolchem Humor) zurück und verteidigt seine klassizistischen Ästhetikvorstellungen als höchste und einzige Form der Kunst.

Der Konflikt hinterfragt den nicht erfüllten Zweck der Kunst gegenüber der Gesellschaft: Kann im Theater noch Schiller gezeigt werden? Ist die Sprache Schillers nicht zu schön, zu überholt, zu fern vom echten Leben? Eine Sprache, die in sich eine solche Harmonie trägt, hat kein kritisches Potenzial. Sie ist so ausgefeilt und perfekt – dies spiegelt nicht die Welt, in der wir leben. Kunst, die in solcher Vollkommenheit vorgetragen wird, entspricht nicht unseren komplexen Erfahrungen. Dadurch verfehlt sie ihren Ursprungszweck, uns zu uns selbst von etwas Niedrigerem zu etwas Höherem zu führen. Sie entfremdet sich und erfüllt folglich nur ihren inzestuösen Selbstzweck. Mit dieser Sprache können keine Probleme ausgedrückt werden, schon gar nicht die der Figuren im Stück.

Natürlich waren auch die Schauspieler packend und vor zentrierter Energie brodelnd. Und auch das Bühnenbild, welches die Spieler zum gebeugten, sich verrenkenden Gehen zwang, haut auf Grund seiner großen Wirkung mit schlichten Mitteln, um.
Doch man fragt ja immer schon nach den Bildern und Handlungszusammenhängen.
Ja, die Bilder waren schön. Aber warum fragt man nie nach den Worten? – Nur immer nach dem, was um die Worte herum oder hinter den Worten ist, was sie „ausdrücken”?
Visuelle Medien emanzipieren sich zunehmend und machen unser Auge zum meist beanspruchten Sinnesorgan. Und doch ist das Fundamentale in der Wortkunst allein und für alle Zeiten nur das Wort.

Denn neben einer Sprechweise in Ton und Klang und einer Sprachform, die Inhalte vermittelt und wiederspiegelt, gibt es eine noch viel unmittelbarere, archaische Sprache, die einfach auf die Tonbildung in den Stimmbändern zurückgeht, der direkte physische Laut.

Es wäre schade, dieses zu opfern und die Freude an der reinen Wortkunst, unabhängig von narrativen Strukturen, zu unterschätzen oder gar zu verlieren.

Vielleicht wie Michael Thalheimer, der das Stück inszenierte und dem ich vorwerfe, sein eigenes Stück nicht verstanden zu haben. Warum setzt er eine im Stück permanent durchsäuselnde sentimentale Melodie ein? Die Musik ist ein identifikatorisches Verstärkungsmittel in einem Stück, das eben kein Identifikationsdrama ist. Das Publikum wird auf die falsche Fährte gelockt, wird künstlich bewegt und dumpf gerührt und verpasst dadurch die eigentliche Faszination und Wichtigkeit des Stücks: den Ausdruck des Menschen. Im wahrsten Sinne: Der Mensch drückt sich aus, wie eine Zitrone, und es fließt die Sprache.

Wenn also klassisch narrativ die Sprache Inhalt ausdrückt, ist hier die Sprache allein schon Ausdruck und verweist so ganz physisch zurück auf das, was sie ausdrückt: den Menschen.





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beate studiert eigentlich kulturwissenschaft und erziehungswissenschaften.
-> weiteres


der beitrag wurde am Donnerstag, den 20. Januar 2011 um 21:08 uhr veröffentlicht und wurde unter theater abgelegt. du kannst die kommentare zu diesen eintrag durch den RSS 2.0 feed verfolgen. du kannst einen kommentar schreiben oder einen trackback auf deiner seite einrichten.


eine reaktion zu ““Die Ratten” im Repertoire des Deutschen Theaters”
  1. Arvid am 2. Dezember 2011 um 15:51 uhr

    Interessanter Post.Habe ein paar tolle Denkanstoesse gekriegt. Freue mich schon auf weitere Posts zum Thema.

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