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Ruine der Künste Berlin
am 23. Januar 2011 von slava

Ein Gespräch über Kunst, Künstler sein und über die Aufhebung von Gegensätzen in der Vergänglichkeit der Zeit

Im ruhigen, immer noch stillen und idyllischen Dahlem, auf dem Weg vom Hauptgebäude der Freien Universität zu Berlin zur U-Bahn-Station Thielplatz steht ein Monument, eine wahrliche Perle des Berliner Kunstgeistes. Lange Jahre bin ich diesen Weg gegangen, auf dem linken Straßenrand statt auf dem rechten, und habe die Ruine der Künste schlicht übersehen. Kennen sie sie etwa?

Die Ruine der Künste ist keine Kunststätte, die laut schreit, sich präsentiert, um Sensation kämpft. Sie ist ein privater Ort, eine Art Galerie und Atelier, der mit seiner Originalität und seiner Extravaganz überzeugt, der entdeckt werden kann, aber nicht unbedingt entdeckt werden will; ein Ort für alle Künste und für das Auge, das nicht müde wird, das Gewöhnliche im Ungewöhnlichen zu suchen und umgekehrt.

Die Ruine der Künste erzählt zugleich mehrere Geschichten und dadurch ihre eigene. Sie wurde 1985 als Galerie für Video-, Performance-, Objekt- und Medienkunst von Prof. Wolf Kahlen eröffnet und hat mehr als 140 Einzelausstellungen hinter sich. Von 1985 bis 2005 wurde jeden Monat ein Künstler ausgestellt. Einige davon sind Ugo Dossi, Kurt Buchwald, Dieter Appelt, Gerhard Rühm, Otmar Sattel, Marian Zazeela… Gezeigt wurden Keramikausstellungen aus der Asche des Hauses, Performances mit einem Rasenmäher, dämonische Bilder auf der Hausfassade, Videoinstallationen… Es gab Vorträge über die Ruinentheorie, Kunstseminare wurden darin gehalten. Bis 2005 versetzte die Ruine ständig ihre Besucher in Aufruhr. Seit 2005 kümmert sich Prof. Kahlen um sein eigenes Museum in Bernau bei Berlin, und die Ruine ruht. Es finden keine regelmäßigen Ausstellungen statt. An der Eingangstür – in der menschenlosen Hittorfstraße – werden jedoch immer wieder bekannte oder vielleicht für den Laien unbekannte Namen angekündigt, und man kann in die Welt im Sinne von Kahlens Manifest „die Welt von heute heute erklärt“ eintauchen, sich der Sinneswahrnehmung hingeben. Denn in der Ruine der Künste stehen mit Staub zugesetzte alte Fernseher, die ein anderes Tagesprogramm anbieten, als man es gewohnt ist, tibetische Fotografien und diverse, noch verpackte Ausstellungsstücke in mitreißender Unordnung. Alles erinnert an eine Bühne, auf der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft zusammentreffen.

Ich habe in die Ruine hereingeschaut und ein Gespräch über diesen pompösen Ort mit Prof. Kahlen geführt. Der Mensch Wolf Kahlen fesselt mit einer fast theatralischen Haltung und überwältigt mit einem junghaften Geist. Es war ein bewegendes Erlebnis in einem magischen Haus. Worüber reden wir eigentlich hier?

Wir reden über die Ruine der Künste. Eine Ruine ist eine kaputte Architektur, im konkreten Fall ein kaputtes Haus. Dieses Haus bietet Raum für unterschiedliche Künste, der den medialen Prozess der Kunstübertragung zwischen Sender und Empfänger stattfinden lässt. Denn ich, als Mensch, sende ständig, ich projiziere, auch in das Kunstwerk hinein. Die Kunstwahrnehmung findet, so Kahlen, bei jedem Menschen statt – es geht um ein hin und her, um bewusst oder unbewusst. Das Entscheidende ist das prozessuale Spiel. Die Kunst ist ein Ding in Bewegung, eine prozessuale Erfahrung, mehr sogar: Eine Vermischung von Erfahrungen, eine Bewegung in der Zeit. Ohne Zeit und Raum wäre Kunst nicht denkbar.

Natürlich ist jeder Mensch anders disponiert und kann tiefer oder weniger tief in das Kunstwerk hineingehen, jedoch heißt das nicht unbedingt, dass die klügsten die besten Kunsterfahrenen sind. Je größer unser geistiges Reservoir ist, desto mehr Anknüpfungspunkte haben wir, um in die Kunst einzusteigen. Erfahrene Menschen sehen Kunst anders als unerfahrene. Nichtsdestotrotz kann die Erfahrung die Kunst zerstören: Der eine denkt an Blumen und sieht überall Blumen, der andere denkt an Krieg und sieht überall Krieg… Im Grunde leben wir in einer Illusion. Alles findet wie eine Spiegelung von Wirklichkeit statt. Der Spiegel ist aber nicht immer sauber, er kann auch ein Zerrspiegel sein. Und schon ist die Realität konkav. Für die Kunst brauchen wir Aufnahmefähigkeit, und das bedeutet, dass wir für tiefe innerliche Erlebnisse empfänglich bzw. bereit sein müssen. Jeder kann Kunst nur auf seiner Ebene verstehen, und das Handwerk des Künstlers besteht darin, sich auf dasjenige zu reduzieren, was zu dem Erlebnis – möglichst ohne Störung – führt. In diesem Sinn hat die Frage nach der schlechten Kunst auch ihre Antwort gefunden. Laut Kahlen ist die schlechte Kunst diejenige, die nicht funktioniert. Sie spricht zwar an, aber auf der Ebene des Reizes, der Sensation und nicht aufgrund des Erlebnisses: Das ist so gemacht wie Kunst, das kennt man so aus der Geschichte, das sieht wie Kunst aus, aber es ist eben kein Erlebnis. Große Kunst wird gemacht und muss gemacht werden von dem Künstler, weil er voller Impulse und Obsessionen ist. „Ein großer Künstler macht Kunst für sich selbst – ganz brutal –, für niemanden anderen. Er ist ein absoluter Egoist und er wiederholt sich nicht. Wenn andere dazu kommen, dann freut sich der Künstler. Aber er wird niemals spekulieren und andere so oder anders erreichen wollen. Denn sobald er spekuliert, muss er sich auf deren Ebene begeben. Da hört Kunst auf bzw. sie fängt erst gar nicht an – es handelt sich um Kunstgewerbe, um Kunst angewandt.“

Ja, die Kunst ist ein Risiko. Sie stellt ein Risiko selbst für den erfahrensten Künstler dar. Und wenn der große Künstler in erster Linie für sich selbst arbeitet, „um mit der Welt zurechtzukommen“, so trifft er irgendwann auf neugierige Blicke, auf Anerkennung oder aber auf harte Kritik. Er wird positioniert, eingeordnet, verglichen, verehrt oder vernichtet. Möglicherweise findet er aber auch den Ort, an dem er einfach in seiner Andersartigkeit akzeptiert wird. Und möglicherweise gehört unsere Stadt Berlin zu den Schauplätzen internationaler Größe, die hartnäckig auf der Individualität ihrer Sprösslinge bestehen. Prof. Kahlen nennt Berlin „die schönste Stadt der Welt“. Er qualifiziert sie als bescheiden, als eine marktlose und gerangelfreie Kunstszene. Der Berliner hat eben noch nicht ganz seine Schnoddrigkeit verloren. Er ist unterkühlt und gleichzeitig unglaublich populär. Die Stadt zieht mit ihrer ambitionslosen Offenheit an und macht es möglich – wenn wir über Gegensätze sprechen wollen –, dass eine Ruine der Künste gerade in Dahlem entdeckt werden kann.

Das Gespräch mit Prof. Kahlen endete mit der philosophischen Idee über die Aufhebung von Gegensätzen. Eine Ruine kann als etwas Tragisches oder Historisches gesehen werden. Sie kann aber auch etwas Romantisches symbolisieren. Tragik und Romantik sind Gegensätze, genauso wie Vergangenheit und Zukunft. Durch die Herstellung einer dynamischen Balance, einer Einheit, werden die Gegensätze aufgehoben, sie sind miteinander verbunden zu einem Ganzen. Die Vergänglichkeit macht diese Verbindung möglich. Die Zukunft ist nur im Spielraum der Vergangenheit möglich, das Romantische hätte keine Bedeutung ohne das Tragische. Isoliert betrachtet stellen diese nur eine zeitlose Dimension dar. Dennoch sollen die Gegensätze auch Gegensätze bleiben, denn wie furchtbar wäre es, wenn wir alle gleich wären und wenn wir alle in Zeitlosigkeit leben würden.

In der Ruine der Künste wird momentan die Edition Ruine der Künste gezeigt. Termine für eine Besichtigung gibt es nach telefonischer Vereinbarung.

Das Wolf Kahlen Museum in Bernau ist Fr-So von 14 bis 18 Uhr geöffnet.

In verschiedenen interaktiven Stücken – Selbtslos, Wolkenlos, Europa on the fly – hat man die Gelegenheit online an einem infiniten Kreislauf in der Form eines Triptychons durch Anklicken teilzunehmen (Internetgrafik).

An dieser Stelle bedanke ich mich noch mal recht herzlich bei Prof. Kahlen für das Gespräch.





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slava entwickelte ihr bewusstes verhältnis zur kunst, als sie vor ca. 10 jahren nach berlin zog. vorlieben hat sie besonders alternative darstellungen, ist aber tendenziell sehr tolerant und offen für jegliche art von schöpfungsprozessen.
-> weiteres


der beitrag wurde am Sonntag, den 23. Januar 2011 um 12:24 uhr veröffentlicht und wurde unter architektur, galerie abgelegt. du kannst die kommentare zu diesen eintrag durch den RSS 2.0 feed verfolgen. du kannst einen kommentar schreiben oder einen trackback auf deiner seite einrichten.


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