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Der alltägliche Wahnsinn
am 1. Februar 2011 von lisa

„Die S2 hat voraussichtlich 10 Minuten Verspätung. Fahrgäste nach Birkenwerder fahren bitte mit der S2 nach Blankenburg vor und steigen dort in die S8 um.“

Für Berliner gehören solche Ansagen seit Monaten zum Alltag, aber kaum noch jemand lässt sich hier wegen zehn Minuten aus der Ruhe bringen. Stattdessen lässt sich auf dem einen oder anderen Gesicht sogar ein mildes Lächeln erkennen, denn es könnte ja eigentlich noch viel schlimmer sein!

Noch dazu hat der flexible Berliner Möglichkeiten und Wege gefunden, über die Zustände bei der S-Bahn hinweg zu sehen. Schließlich gewinnt er durch die zahlreichen Verspätungen Zeit und Zeit ist Mangelware.

Plötzlich kann man seine Umgebung etwas genauer betrachten. Egal, ob an der Bushaltestelle oder am S-Bahnhof: überall gibt es neue Dinge im Berliner Stadtbild zu entdecken und oftmals sind es gerade die Unscheinbaren, hinter denen eine interessante Geschichte steckt.

So erging es mir am letzten Sonntag am S- Bahnhof Bornholmer Straße. Auch mir wurde unverhofft etwas Zeit geschenkt und ich beschloss die Gegend zu erkunden. Tatsächlich musste ich nicht weit gehen um eine erste Entdeckung zu machen.

Beim Verlassen des Bahnhofs fiel mir zum ersten Mal das rote, zerschrammte Gebilde vor dem Eingang auf. Es erinnert an einen zu groß geratenen, unförmigen Sessel. Eines dieser betagten Möbelstücke, die irgendjemand auf dem  Fußgängerweg abgestellt hat, in der Hoffnung, dass es dort einen neuen Besitzer findet.

Es war kein Hinweis darauf zu finden, wie lange das Gebilde schon dort steht, wer es dahin gestellt hat und vor allem, welchen Zweck es erfüllen soll. Soll so Farbe in das winterlich graue Stadtbild gebracht werden? Das würde zumindest den intensiven Rotton erklären…Viele Fragen, auf die ich während der 15 Minuten Wartezeit keine befriedigende Antwort finden konnte.

So begann ich daheim meine Internetrecherche, deren Ergebnis ich doch recht überraschend fand:

„Das Ding“ hat einen Namen und einen Schöpfer, eine „raison d’être“! „Mind the Gap“, so wurde die Skulptur betitelt, ist eins   von sieben Kunstwerken, die im Rahmen eines Senatsprojekts im Jahr 1999 an den innerstädtischen Grenzen aufgestellt wurden. Die Schöpfer dieser Skulptur sind Else Gabriel und Ullf Wrede, bekannt geworden als Künstlerduo  Twin Gabriel.

Diese Skulptur erfüllt also nur sekundär die Funktion eines Sitzmöbels und soll vielmehr an die Mauer und an die durch sie entstandene Lücke zwischen den Menschen dieser Stadt erinnern. Jeder, der auf ihr Platz nimmt, blickt nicht nur auf den ehemaligen Grenzübergang zwischen Ost- und Westberlin, sondern auch auf den Ort, an dem am 9. November 1989 als erstes die Grenze wieder frei passierbar wurde. Und es wartet noch eine weitere Überraschung auf die Passanten, die sich tatsächlich auf dieser Skulptur niederlassen! Aus Lautsprechern, die einem im Vorbeigehen kaum auffallen dürften, tönt es laut: „Wahnsinn!“.

Der Ausruf soll einem den Wahnsinn gegenwärtig machen, der vor mehr als 20 Jahren genau dort stattgefunden hat. Es wird aber eher der Eindruck erweckt, dass die Leute bejubelt werden, die so mutig waren, sich dort zu setzen und ihre Kleidung dreckig zu machen.

Die Skulptur soll die Menschen zum Verweilen animieren, sie dem Trott des Alltags entreißen, damit sie die Möglichkeit haben, inne zu halten und sich an die Ereignisse von damals zu erinnern.

Leider scheint das nicht ganz zu gelingen. Diese Skulptur ist vielmehr ein Ausdruck des Vergessens. Es gibt keinen Hinweis, warum sie dort steht. Das benötigt Recherche oder spezifisches Hintergrundwissen! Aufgrund ihres verdreckten Zustandes lädt sie niemanden zum Verweilen ein und trotz ihrer signalroten Farbe gliedert sie sich in das Bild der Bornholmer Brücke und fällt den vorbei eilenden Passanten kaum auf.

Sie wirkt deplatziert, an einem Ort an dem die Menschen hin und her hasten, um die richtigen Bahnen zu erreichen. Es sei denn, die S-Bahn kommt mal wieder nicht und bis es das nächste mal heißt „Achten Sie beim Ein- und Aussteigen auf die Lücke zwischen Zug- und Bahnsteigkante!“ bleibt ein bisschen Zeit, mit einem Lächeln auf den Lippen über ihr Dasein und ihren Zweck nachzudenken.





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lisa
-> weiteres


der beitrag wurde am Dienstag, den 1. Februar 2011 um 15:15 uhr veröffentlicht und wurde unter bildende kunst abgelegt. du kannst die kommentare zu diesen eintrag durch den RSS 2.0 feed verfolgen. du kannst einen kommentar schreiben oder einen trackback auf deiner seite einrichten.


3 reaktionen zu “Der alltägliche Wahnsinn”
  1. Anne am 1. Februar 2011 um 21:40 uhr

    sehr einladend, wenn ich das nächte mal in der gegend bin werde ich mir das mal ansehen!!!

  2. beate am 3. Februar 2011 um 23:36 uhr

    Jesusmariaundjosef, ich habe ein jahr lang auf der Bornholmer Straße gewohnt, bin theoretisch jeden Tag daran vorbeigelaufen und hätte nie nie nie gedacht, dass DAS dahinter steckt. Es sah einfach wie eine pseudofuturistische Bank aus, die auch sehr schäbbig war.

  3. Thomas Klingberg | Fotograf in Berlin | Dame auf der Skulptur "Mind The Gap", Bornholmer Strasse am 11. August 2011 um 11:20 uhr

    [...] Weitere Infos zur Skulptur: http://www.huldigungderkuenste.de/blog/?p=743 [...]

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