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Transmediale.11
am 2. Februar 2011 von lorenz

Die Selbstbeschreibung des diesjährigen Transmediale-Festivals beginnt pragmatisch mit einem Zitat:

“Im elektrischen Zeitalter, das unser Zentralnervensystem technisch so sehr ausgeweitet hat, dass es uns mit der ganzen Menschheit verflicht und die ganze Menschheit in uns vereinigt, müssen wir die Auswirkungen jeder unserer Handlungen tief miterleben.”

Worte, die sicher auch auf unsere Epoche zutreffen, stammen sie auch ursprünglich aus dem Jahre 1964, niedergeschrieben von dem kanadischen Philosophen und Kommunikationstheoretiker Marshall McLuhan in seinem Werk Understanding Media. Doch zu Ende gedacht sein soll dieser Gedanke noch nicht.

Jedenfalls weitergedacht wird er von der nun bereits zum 24. Mal in Berlin stattfindenden Transmediale, die sich selbst als internationales Festival für zeitgenössische Kunst und digitale Kultur bezeichnet und es sich neben der Suche nach neuen ästhetischen Formen zur Maxime macht, unseren gesellschaftlichen Status quo zu reflektieren. Unter dem diesjährigen Motto RESPONSE:ABILITY soll dabei auf die radikalen Veränderungen unseres digitalen Zeitalters, allen voran auf das Leben im Zeitalter der unmittelbaren globalen Vernetzung eingegangen werden. Es soll in offener und partizipativer Struktur den Fragen nach Möglichkeiten und Verantwortungen in einer Landschaft aus digitalen Medien und Netzwerken nachgegangen werden. Zahlreiche Performances, Workshops und Ausstellungen sorgen dabei dafür, dass diese Reflexion auf implizite Weise – eingebettet in Kunst selbst – ebenso wie auf explizite Weise geschieht – in Form von öffentlichen Experten-Runden.

Bereits auf der gestern stattgefundenen Einführungsveranstaltung war zu sehen, wie eine solche Reflexion unserer (kommunikativen) Gesellschaftsstrukturen aussehen mag. Die Künstlerin Christin Lahr etwa präsentiert uns ihr Kunstprojekt von einem mitten im Raum stehenden Arbeitstisch aus, an dem sie das fortführt, was sie seit dem 31.5.2009 täglich tut: Sie überweist dem Bundesfinanzministerium 1 Cent, wirkt so dem wachsenden Schuldenberg entgegen und schreibt in den Verwendungszweck der Überweisung jeweils 108 Zeichen aus Karl Marx’ Das Kapital mit dem Ziel, innerhalb der nächsten 43 Jahre das gesamte Buch per Online-Banking auf das zentrale Konto unseres Staates überwiesen zu haben.

Auf die allzu offene und durchsichtbare Struktur unserer sozialen Netzwerke verweisen Alessandro Ludovico und Paolo Cirio mit ihrem Projekt Face-to-Facebook. Mittels einer speziellen Software durchforsteten sie mehr oder weniger willkürlich 1 Million Facebook-Profile, sicherten sich von diesen 250.000 Profilbilder, die sie schließlich nach neuen Kriterien – etwa nach dem Geschlecht sowie dem Gesichtsausdruck – mittels spezieller Gesichtserkennungsalgorithmen neu collagierten. Zusätzlich integrierten sie die neu gewonnen Bilder in eine eigens erstellte fiktive Dating-Seite und üben somit Kritik an dem Realitätsanspruch des digitalen Mediums Internet.

Einen Höhepunkt aus dem Videobereich präsentiert der Amerikaner Reynold Reynolds mit seiner sogar bis zum 20. März ausgestellten Arbeit The Secrets Trilogy. Mit dem Fokus auf Raum und Zeit erforscht er kaum wahrzunehmende Rahmenbedingungen des Lebens. In unglaublich eindrucksvoller und sicher aufwendiger Weise schafft er es mittels bestimmter analoger Aufnahme- und Schnitttechniken – vorzugsweise dem Aneinanderreihen einzelner Bildaufnahmen, die schließlich eine bewegte Filmsequenz ergeben -, Effekte zu erreichen, die abseits von digitalen Postproduktions-Methoden etwas Surreales im Realen wahrnehmen lassen.

Transmediale sowie Club Transmediale finden vom 1. – 6. Februar in Berlin statt. Rund 200 Künstler, Wissenschaftler und Medienaktivisten gestalten im Haus der Kulturen der Welt und an 20 weiteren Orten eine interdisziplinäre Plattform mit Kunstwerken, Vorträgen, Performances, Workshops und Screenings.





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lorenz studiert psychologie in berlin und ist einer der mitbegründer der hdk/. seine künstlerischen interessen sind breit gefächert, vor allem verfallen ist es jedoch der musik, spielt er doch selbst in zwei bands.
-> weiteres


der beitrag wurde am Mittwoch, den 2. Februar 2011 um 12:56 uhr veröffentlicht und wurde unter bildende kunst, video abgelegt. du kannst die kommentare zu diesen eintrag durch den RSS 2.0 feed verfolgen. du kannst einen kommentar schreiben oder einen trackback auf deiner seite einrichten.


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