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Neue musikalische Erfahrungen
am 3. Februar 2011 von lorenz

Nicht nur Diskussionsanstoß für die vor allem künstlerische Auseinandersetzung mit dem Status quo unserer Gesellschaft möchte die Transmediale sein, auch schlichtweg neuartige und somit zu einem Großteil experimentelle Formen von Musik werden präsentiert.

Gestern waren es zwei Veranstaltungen, die mir musikalische Erfahrungen boten, wie ich sie vorher noch nicht erlebt habe. Beide Veranstaltungen griffen jedoch, obwohl mir ihre Endprodukte neuartig erschienen, interessanterweise auf eher ältere, analoge Techniken zurück – und zeigen so einmal mehr wie wenig obsolet das Analoge im Zuge der immer digitaler werdenden Musik doch ist.

Eine mir bis dato gänzlich unbekannte Form eines DJ-Sets präsentierten Patrick Praschma, Chris Wawrzyniak und Pierre Cournoyer mit ihrer Tour de Vinyl im Haus der Kulturen der Welt. Die Grundidee dieses Projekts ist es, die aufgelegten Schallplatten nicht mit einem handelsüblichen Schallplattenspieler anzutreiben, sondern den Motor des Spielers durch das physische Antreiben mittels eigener Kraft überflüssig zu machen. Dies bewerkstelligt das Trio mit leicht manipulierten Fahrrad-Hometrainern, die, wenn man in ihre Pedale tritt, nicht ein Rad, sondern über geschickte Verbindungen eben einen Plattenspieler antreiben. Der dynamische menschliche Tritt ins Pedal ersetzt also den monotonen Antrieb eines elektrischen Antriebs. Man mag sich leicht vorstellen, welche Nebeneffekte hier auftreten: Die Abspielgeschwindigkeit der Platte liegt nie im Sinne ihres Erfinders und ist ferner direkt über schnelleres bzw. langsameres Treten des DJs zu steuern. Es ergeben sich Möglichkeiten, dieses als Stilmittel zu benutzen und durch variierende Geschwindigkeiten, die quasi direkt von dem Körper des DJs auf die Platte übertragen werden, aus den ausgewählten Platten eine neuartige Komposition zu schaffen.

Was die Plattenauswahl betrifft, so bietet uns die Tour de Vinyl eine bunte Collage von 80er-Jahre-Pop-Trash über Gesprächseinlagen (Loriot und weitere) hin zur elektronischen Musik à la Kraftwerk und schließlich technoideren Elementen. Im Mittelpunkt stehen jedoch nicht die einzelnen gespielten Musikstücke selber, sondern das, was gesamtkompositorisch betrachtet daraus gemacht wurde. Einen Höhepunkt liefert hier etwa das Spielen eines O-Tons, der zunächst von einer Platte kommt, ein wenig zeitlich verzögert ergänzt wird durch das Spielen desselben O-Tons, nun jedoch von einer zweiten Platte, welcher schließlich – durch schnelleres Treten – den ersten O-Ton einholt, bis die beiden Platten synchron laufen bzw. durch die ständige leichte Geschwindigkeitsvariation einen dynamischen Echo-Effekt erzeugen.

Der spätere Abend schließlich verspricht mir experimentelle elektronische Sounds im Festsaal Kreuzberg. Schnell war zu erkennen, dass das Programmheft Recht hatte. Zu dem Attribut “experimentell” könnte man hinzufügen: monoton, laut und langwierig. Fünf verschiedene Künstler(gruppen) präsentieren nacheinander sphärisch erscheinende Klangteppiche, die – ist man doch den verhältnismäßig strukturierten Techno gewohnt – jegliche Betonung der Viertel-Noten oder sonstiger Takt-Ankerpunkte vermissen lassen. Und so sind es auch keine Songs oder Tracks, die gespielt werden, sondern vielmehr akustische, sich langsam, aber stetig entwickelnde Arrangements, die meistens minimal beginnen und sich langsam zu einem immer dichteren Sound-Werk entwickeln. Geduld muss man mitbringen für eine solche Art von Musik, sicherlich auch eine gewisse Affinität zu elektronischen Frickeleien. Und so eignete sie sich mir doch eher zum Entspannen als für das gespannte Lauschen.

Transmediale sowie Club Transmediale finden vom 1. – 6. Februar in Berlin statt. Rund 200 Künstler, Wissenschaftler und Medienaktivisten gestalten im Haus der Kulturen der Welt und an 20 weiteren Orten eine interdisziplinäre Plattform mit Kunstwerken, Vorträgen, Performances, Workshops und Screenings.





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lorenz studiert psychologie in berlin und ist einer der mitbegründer der hdk/. seine künstlerischen interessen sind breit gefächert, vor allem verfallen ist es jedoch der musik, spielt er doch selbst in zwei bands.
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der beitrag wurde am Donnerstag, den 3. Februar 2011 um 20:32 uhr veröffentlicht und wurde unter musik abgelegt. du kannst die kommentare zu diesen eintrag durch den RSS 2.0 feed verfolgen. du kannst einen kommentar schreiben oder einen trackback auf deiner seite einrichten.


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