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Imaginäre visuelle Reisen
am 5. Februar 2011 von lorenz

Das Film- und Video-Programm der diesjähren Transmediale widmet sich unter dem Titel SyncExistence dem Credo, dass wir Menschen – vor allem in Anbetracht der digitalen Medien – in einer Zeit leben, in der uns Bilder stets in einer synchronen Weise erreichen (können), denke man doch etwa an die globale, quasi zeitüberbrückende Vernetzung des Internets. Insofern befänden wir uns als in diesem Status lebend stets in einer gewissen Synchronisation. Die auf dem Festival täglich zwei gezeigten Filmprogramme gehen der Frage nach, was dies für uns als Individuen, auch aber für unsere Gesellschaft bedeutet.

Am Freitag lautete der Unterpunkt Imaginary Travels. Acht Kurzfilme wurden gezeigt, welche die Zuschauer auf eine imaginäre räumliche, aber auch zeitliche Reise in fremde und ferne Welten schicken sollten. Von diesen möchte ich zwei, die mir besonders gut gefielen, kurz vorstellen.

Eine meiner Entdeckung der Transmediale.11 ist schon seit seiner Video-Installation The Secrets Trilogy Reynold Reynolds. Gestern beeindruckte mich eine weitere seiner Arbeiten: Der letzte Tag der Republik. In diesem achtminütigem Film dokumentiert Reynolds die Dekonstruktion des Palasts der Republik in Berlin. Aus verschiedenen Perspektiven werden die monströsen Bagger ähnlichen Gerätschaften gefilmt, die Stück für Stück der Beton- und Stahlkonstruktion des ehemaligen DRR-Vorzeige-Baus herausreisen. Abgespielt werden diese Aufnahmen im Zeitraffer, und zwar derart, dass die Bildrate und somit die Abspielgeschwindigkeit nicht konstant bleibt, sondern stets variiert. So entstehen phänomenale Effekte, die etwa die Abriss-Fahrzeuge wie lebendige, organische, Insekten ähnliche Wesen erscheinen lassen, die sich nach und nach durch die Reste des Palastes beißen. Ist das Endprodukt auch noch so ästhetisch ansprechend, erklärt Reynolds in dem an den Film anschließenden Gespräch bescheiden, es sei bloß seine Intention gewesen, den Abriss zu dokumentieren. Eine Andeutung auf ein mögliches gesellschaftspolitisches Statement zu dem Auslöschen des Palasts lässt er sich aber doch noch entlocken: “It was maybe a mistake.

Niklas Goldbachs Kurzfilm TEN spielt in einem komplett in schwarz-weiß, sehr stilvoll-modern eingerichteten Hotel-Zimmer. Zunächst erscheint ein ebenfalls in schwarz-weiß gekleideter, leicht apathischer wirkender Mann, der Vorbereitungen für ein Meeting beginnt. Wenig später erscheint ein weiterer Mann – und zwar genau der gleiche noch mal, ein Klon des ersten sozusagen. Nach und nach folgen weitere Klone, bis sich schließlich zehnmal die gleichen Menschen in einem Raum gegenüber sitzen und sich schweigend anschauen. Das erwähnte Meeting, so erfährt man im anschließenden Gespräch von Goldbach selbst, steht dabei symbolisch für ein Treffen von Menschen, die hinter verschlossenen Türen machtvolle Entscheidungen treffen und so die Entwicklung unserer Gesellschaft lenken. Mit einigen Medienreferenzen wird also persifliert, wie die Mächtigen dieser Welt über unsere Zukunft bestimmen. Es entstehen – allen voran aufgrund der Tatsache, dass eben zehnmal die gleichen Personen aufeinandertreffen – skurrile, lustige bilder – die Postproduktions-Leistung der Klone ist eindrucksvoll.

Transmediale sowie Club Transmediale finden vom 1. – 6. Februar in Berlin statt. Rund 200 Künstler, Wissenschaftler und Medienaktivisten gestalten im Haus der Kulturen der Welt und an 20 weiteren Orten eine interdisziplinäre Plattform mit Kunstwerken, Vorträgen, Performances, Workshops und Screenings.





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lorenz studiert psychologie in berlin und ist einer der mitbegründer der hdk/. seine künstlerischen interessen sind breit gefächert, vor allem verfallen ist es jedoch der musik, spielt er doch selbst in zwei bands.
-> weiteres


der beitrag wurde am Samstag, den 5. Februar 2011 um 21:24 uhr veröffentlicht und wurde unter video abgelegt. du kannst die kommentare zu diesen eintrag durch den RSS 2.0 feed verfolgen. du kannst einen kommentar schreiben oder einen trackback auf deiner seite einrichten.


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